Lachs und Scholle – nicht so dolle

WWF kritisiert überhöhte Fischereiquoten für Ostseelachs

Hamburg – Die Fischereiminister der EU haben heute in Luxemburg festgelegt, wie viel Fisch 2012 in der Ostsee gefangen werden darf. Der WWF lobt die generelle Annäherung an wissenschaftliche Empfehlungen, kritisiert aber die Entscheidungen zu Lachs und Scholle, die trotz Kürzungen stark hinter den Kommissionsvorschlägen zurückbleiben.

„Die Fischereiminister unterlaufen mit solchen Entscheidungen die konstruktiven Vorlagen von Kommissarin Damanaki für eine wissenschaftsbasierte und zukunftsfähige Fischerei“, sagt Karoline Schacht, Fischereiexpertin des WWF. „Insbesondere die Fangmenge für Ostseelachs zeigt, dass die Minister immer noch kurzfristigen Interessen folgen, statt die Erholung der Fischbestände zu ermöglichen. Damit graben sie letztlich auch der Fischerei das Wasser ab.“ Um die Lachsbestände zu schützen, hatte die Kommission eine Kürzung der Fangmenge um fast 80 Prozent auf rund 53.000 Lachse vorgeschlagen. Doch die Minister haben die Fangmenge nur um die Hälfte (51 Prozent) gekürzt. Der Ostseelachs wird hauptsächlich von den baltischen Staaten befischt, während deutsche Fischer vornehmlich Dorsch, Hering und Scholle fangen.

Die Schollenfischerei in der Ostsee hätte zu einem Präzedenzfall für einen neuen Vorsorgeansatz der EU-Fischereipolitik werden können. Die Kommission hatte angekündigt, bei erheblichem Datenmangel, wie er auch in der Schollenfischerei herrscht, die Höchstfangmengen pauschal um ein Viertel zu kürzen. „Wenn nicht genug Daten über Fischbestände vorliegen, muss man vom Schlimmsten ausgehen“, so Schacht. „Die Ministerentscheidung ignoriert den berechtigten Vorsorgeansatz und versäumt damit, die Mitgliedstaaten in die Pflicht zu nehmen, um endlich verlässliche Daten aus den Fischereien zu liefern.“ Festgesetzt wurde nur ein Minus von 5 Prozent.

Seit sechs Jahren waren die Fangmengen für Ostseehering kontinuierlich gekürzt worden. Im kommenden Jahr darf der Hering vor der Deutschen Ostseeküste aber wieder stärker befischt werden. Für den westlichen Bestand wurde ein Plus von 32 Prozent beschlossen. „Dies könnte sich als Bumerang für die Deutsche Fischerei erweisen, falls nicht im Gegenzug der Nordseehering im selben Maße geschont wird“, warnt Fischereiexpertin Schacht. Diese Entscheidung falle jedoch erst im Dezember. Wissenschaftler prognostizieren ansonsten einen Einbruch des Bestandes, der sich langfristig auswirken könnte.

Die Fangmenge für Dorsch aus der östlichen Ostsee wurde gemäß des geltenden Langzeitmanagementplans um 15 Prozent erhöht. Dank der langfristig ausgerichteten Bewirtschaftung konnte sich dieser Bestand in fünf Jahren mehr als verdreifachen. „Die Entwicklung des Dorschs in der östlichen Ostsee ist ein Paradebeispiel dafür, was eine gelungene Reform der Fischerei bewirken könnte: Hier dürfen die Fischer mit gutem Gewissen jedes Jahr mehr fangen, weil der Fischbestand kontinuierlich wächst“ so Schacht. „Dieses Erfolgsrezept muss die Fischereireform auf alle europäischen Fischbestände übertragen.“ Der Dorschbestand in der östlichen Ostsee auf etwa 309.000 Tonnen angewachsen, zuletzt war der Bestand vor 14 Jahren so groß.

Ein Gedanke zu „Lachs und Scholle – nicht so dolle

  1. http://www.dradio.de/dlf/sendungen/umwelt/1586731/

    Deutschland Radio – 24.10.2011
    UMWELT UND VERBRAUCHER

    „Den Beständen geht es deutlich besser“

    Fischereifachfrau über die neuen Fangquoten für Ostseefischer

    Karoline Schacht im Gespräch mit Susanne Kuhlmann

    Die EU hat neue Fischfangquoten für die Ostsee vorgelegt. Karoline Schacht, Fachfrau für Fischerei der Umweltorganisation WWF, freut es, dass sich die
    Politik bei ihren Entscheidungen stärker als früher an den Empfehlungen der Wissenschaftler orientiert.

    Susanne Kuhlmann: Ende vergangener Woche haben die Fischereiminister der EU in Luxemburg die neuen Fangquoten für die Ostsee festgelegt. Im kommenden Jahr
    dürfen deutsche Fischer dort mehr Dorsch und Hering fangen als in diesem Jahr. Vom World Wide Found For Nature (WWF) bekamen die Minister dafür deutlichen
    Tadel, aber auch ein wenig Lob. Karoline Schacht ist die Fischereiexpertin der Umweltorganisation und jetzt am Telefon. Hallo, Frau Schacht.

    Karoline Schacht: Hallo!

    Kuhlmann: Was finden Sie denn lobenswert an den Ministerbeschlüssen?

    Schacht: Ich muss tatsächlich auch gleich zu Anfang sagen, dass wir eigentlich erfreut sind oder waren über die Entscheidung, weil es einen ganz generellen
    Trend beschreibt, den wir sehr begrüßenswert finden, nämlich dass die Wissenschaftler, die erst gefragt sind, möglichst erfolgreiche Höchstfangmengen
    festzulegen, wenn es denn um eine nachhaltige Bewirtschaftung gehen soll, dass diese Empfehlungen jetzt nicht mehr ignoriert werden von den Ministern und die Ministerentscheidung sich tendenziell deutlich annähert an das, was die Wissenschaftler vorgeschlagen haben. Das hat sich in den letzten Jahren ganz
    anders angehört und das ist schon mal sehr erfolgreich und sehr erfreulich.

    Kuhlmann: Hat das mit der neuen Fischereikommissarin, mit Maria Damanaki zu tun, die ja hohe Erwartungen weckte, als sie Anfang des Jahres sagte, sie wolle eine
    neue nachhaltige Fischereipolitik?

    Schacht: Ja, ich glaube sehr, dass das persönliche Engagement der Kommissarin hier bleibenden Eindruck hinterlässt. Sie hat es geschafft, tatsächlich auch in
    der Riege der Länderminister oder der itgliedsstaatenminister eine gewisse
    Gefolgschaftshierarchie aufzubauen, so dass man jetzt hoffen kann, dass im Laufe der Debatte um diese Reform, die Frau Damanaki antreibt, tatsächlich auch die
    etwas störrischeren Mitgliedsländer am Ende mitziehen.

    Kuhlmann: Was wird sich denn tun in Sachen wesentliche Speisefischarten? Wie
    werden die Quoten sich auswirken auf Lachs und Scholle beispielsweise und auch
    auf den erwähnten Dorsch und den Hering?

    Schacht: Nun war ich gerade des Lobes voll für die Entscheidung der Minister, und die einzigen Ausnahmen haben Sie jetzt beide gerade genannt, nämlich Lachs
    und Scholle. Die Entscheidungen in der Ostsee sind alles andere als erfreulich ausgefallen. Die Wissenschaftler hatten vor allem für die Lachsbestände ein
    Alarmzeichen gegeben und hatten vorgeschlagen – und diesem Vorschlag ist im übrigen die Kommission auch gefolgt -, um wenigstens 80, 79,8 Prozent
    abzusenken. Das hat offensichtlich vor allem den intensiven Nutzerstaaten Finnland und Schweden nicht gefallen und am Ende sind nur 50 Prozent Kürzung
    dabei herausgekommen. Das ist natürlich nicht das, was wir uns von einer langfristig nachhaltigen Bewirtschaftung erhoffen. Bei der Scholle hätte es eine
    interessante Konstellation geben können. Die Kommission hat nämlich beschlossen, dass immer dort, wo ein erheblicher Datenmangel vorliegt – und in der Tat ist
    das in diesem Fall bei der Scholle auch so -, dass man dann vom schlimmsten ausgehen muss und dass man eine pauschale Kürzung von 25 Prozent verhängt für
    Datenlücken, die unter anderem ja auch deswegen vorliegen, weil die Behörden der Mitgliedsländer nicht rechtzeitig oder nicht in vollem Umfange die Daten geliefert haben. Diese Kürzung ist aber nicht zu Stande gekommen, man ist bei fünf Prozent hängen geblieben.

    Kuhlmann: Wie werden denn überhaupt Daten gesammelt über die Größe der Fischbestände und in welchen Abständen geschieht das?

    Schacht: Das kommt einem wirklich ein bisschen komisch vor, dass man irgendwie versucht, Fische zu zählen. Aber es gibt natürlich wissenschaftliche Grundlagen,
    die über viele Jahre und Jahrzehnte mit Daten gefüttert ein gutes Modell ergeben, um die Bestandsgrößen zu schätzen. Am Ende ist es natürlich eine
    Schätzung oder ein möglichst genauer Nährungswert. Tatsächlich sind die Daten aus der Fischerei erheblich daran beteiligt. Die Fangdaten und Anlandedaten aus
    der Fischerei bilden ein solides Fundament für die Wissenschaft, die dann aber natürlich auch noch eigene Untersuchungsreihen per Ausfahrten und Fangzügen pro
    Jahr zur Ergänzung macht, und daraus ergeben sich diese wissenschaftlichen Ermittlungen.

    Kuhlmann: Welche Schlüsse sollten wir denn daraus ziehen, wenn wir an der Fischtheke stehen und uns etwas aussuchen wollen?

    Schacht: Die erfreulichen Nachrichten beziehen sich ja oder erstrecken sich ja auch noch auf den Ostsee-Dorsch. Auch hier sind ja erfreuliche Entwicklungen zu
    verzeichnen. Den Beständen geht es deutlich besser, so dass der Verbraucher auch den beliebten Kabeljau aus der Ostsee sozusagen wieder empfohlen bekommt, auch
    von uns als den Umweltschützern. Und ansonsten gilt natürlich, immer dann den guten Fisch zu essen. Wir raten ja nicht vom generellen Fischkonsum ab, sondern
    es gibt in der Regel eine gute Alternative, und die findet man unter anderem auch in unseren Ratgebern zum Fischeinkauf, sowohl online als auch auf Papier zu
    bestellen, und hier gibt es einige Orientierungswerte. Das eine ist zum Beispiel ein Siegel, was den Verbrauchern nachhaltige Fischerei garantiert. Das heißt
    MSC.

    Kuhlmann: Danke schön! Es gibt einige Fortschritte, aber um manche Fischarten aus der Ostsee ist es nicht so gut bestellt. Danke schön an Karoline Schacht,
    die Fischereiexpertin der Umweltorganisation WWF.

    Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und
    Diskussionen nicht zu eigen.

    -Konsum+Verbraucher-Meere+Küsten-Umweltpolitik EU-2

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