Interview mit Harald Lesch – Die Menschheit schafft sich ab

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„Wenn wir die Tiefsee ausgenommen haben, dann sind wir ja fertig mit dem Planeten Erde“, so lautet ein Fazit von Harald Lesch zum Tiefseebergbau.

Nicht nur darin hat der bekannte TV-Wissenschaftler von „Abenteuer Forschung“ und „Leschs Kosmos“ mal wieder Recht. Auch das „Anthropozän“, das Zeitalter, in dem der Mensch tiefe, zerstörerische Spuren auf dem Planeten hinterläßt, scheint beschlossene Sache. Ein andereres Fazit ist in seinem neuen Buch zu finden mit dem Titel: „Die Menschheit schafft sich ab“.

„Wir zerstören unseren Planeten mit großer Geschwindigkeit. Wirtschaft, Wissenschaft und Technik nehmen die Erde fest in den Griff. Sei es bei der Ausbeutung der Bodenschätze, bei der Verpestung der Lufthülle oder der Verschmutzung der Weltmeere. Energiehunger und virtuelles Kapital treiben einen zerstörerischen Kreislauf an. Schaffen wir uns allmählich selbst ab, wenn wir so weiter machen?
….Eines steht bereits jetzt fest: Noch nie – außer bei Asteroideneinschlägen und Ausbrüchen von Supervulkanen – hat ein Ereignis das Leben auf dem Planeten Erde so stark beeinflusst wie der Mensch.“
Autor und Astrophysiker Harald Lesch ist aus den Weiten des Weltalls zurückgekehrt. Es geht ihm jetzt um die Heimat des Menschen, der in einer bisher nie gekannten Hybris den Ast, auf dem er sitzt, absägt. Dieses Buch zieht Bilanz und dokumentiert den aktuellen Stand der Dinge. Das Buch „Die Menschheit schafft sich ab“ umfasst ca. 500 Seiten und kostet € 29,95.

 

Interview mit Harald Lesch im Juli 2016 mit Klaus Kamphausen

Q: Herr Lesch in Ihrem neuen Buch reden Sie nicht über Sterne und ferne Galaxien, sondern über den Planeten Erde.

HL: Ich rede vor allem darüber, wie der Mensch mit diesem einzigartigen Planeten umgeht. Mehr als sieben Milliarden von uns tummeln sich inzwischen auf der Erde und tun das, was uns offenbar von der Evolution in die Wiege gelegt wurde: Wir verändern unsere Welt, weil wir es können. Inzwischen hat diese globale, kollektive Veränderung eine Intensität und räumliche Dimension erreicht, dass man bereits ein Erdzeitalter nach uns benennt. Das Anthropozän.

Q: Erklären Sie uns diesen Begriff etwas ausführlicher.

HL: Geowissenschaftler – vielleicht sogar extraterrestrische, weil unsere Spezies sich schon lange zuvor selbst ausgelöscht hat – werden noch in einer fernen Zukunft unser heutiges Wirken auf diesem Planeten in den Sedimenten ablesen können. Sie werden feststellen, dass hier einmal Lebewesen existiert haben müssen, die offensichtlich künstliche Stoffe produziert haben, die sich nicht mehr zersetzten. Sie haben mit großen Mengen radioaktivem Material hantiert. Sie haben die Rohstofflager des Planeten fast vollständig ausgebeutet. In den Eisbohrkernen, so es denn überhaupt noch Eis auf der Erde gibt, werden die außerirdischen Geologen eine extrem hohe Konzentration von Treibhausgasen nachweisen. Die früheren Bewohner des Planeten haben also vermutlich durch die Verbrennung fossiler Rohstoffe – Kohle, Öl und Gas – die Atmosphäre mit riesigen Mengen an Kohlendioxyd und Methan angereichert und dadurch das Klima verändert. Flora und Fauna des Planeten wurden gleichzeitig radikal dezimiert.

Und ich stelle mir vor, sie werden Aufzeichnungen finden, alte Zeitungen zum Beispiel. Darin wird zu lesen sein, dass es in einem Land namens Deutschland kein Tempolimit auf den Autobahnen gab. Eine Schlagzeile verkündet: Freie Fahrt für freie Bürger. Neben diesem Artikel prangt eine Werbeanzeige für eine „Premiumlimousine“ mit mehr als 380 PS. Darunter die Zeile „Vorsprung durch Technik“. Die Menschen der Zukunft werden den Kopf schütteln und murmeln: Was müssen das wohl für Verrückte gewesen sein – damals.

Q: Für viele klingt es verrückt, wenn Sie sagen, wir sind auf dem besten Weg, uns den Ast abzusägen, auf dem wir sitzen.

HL: Einige wenige Vertreter der Spezies Homo sapiens hatten die Chance, die Erde aus der Ferne des Weltalls zu sehen. Die ersten von ihnen waren die Astronauten der „Apollo 8“ Mission beim ersten bemannten Flug zum Mond. Dieser Blick aus dem Weltraum auf die Erde ist einfach atemberaubend. Ein blaues Juwel von einzigartiger Schönheit, verletzlich, zerbrechlich dreht ein Planet allein in den lebensfeindlichen Weiten des Alls seine Runden.

Der Vergleich liegt nahe: Die Erde ist ein Raumschiff mit 7,4 Milliarden Astronauten an Bord. Doch anstatt ihr Schiff funktionstüchtig zu halten, hat die Besatzung nichts Besseres zu tun, als die lebenswichtige Schutzhülle aufzuheizen. Darüber hinaus verbrauchen die Astronauten mehr Ressourcen – Wasser, Böden, Rohstoffe – als langfristig erneuert werden. Sie leben auf Pump, mit Krediten, die sie nicht mehr zurückzahlen können und zerstören so den Kreislauf, der das Leben an Bord möglich macht. Sie brauchen dringend eine zweite Erde. Die gibt es aber nicht.

Q: Wie sehr haben wir unsere Schutzhülle, unsere Atmosphäre schon aufgeheizt?

HL: Ich habe mit dem Meteorologen und Klimaforscher Prof. Dr. Mojib Latif gesprochen und er hat bestätigt: 2015 war global gesehen erneut ein Temperatur-Rekordjahr. Schon im November 2015 haben wir die 1 Grad Celsius Marke gerissen, das heißt, die Atmosphäre hat sich im Vergleich zum Zeitraum 1850-1900 um 1 Grad Celsius erwärmt. Wenn man jetzt noch die Trägheit des Klimasystems berücksichtigt, kommt ein halbes Grad dazu. Das heißt, wir sind eigentlich schon bei einer weltweiten Erwärmung von 1,5 Grad Celsius. Wenn wir tatsächlich deutlich unter 2 Grad Celsius bleiben wollen, so wie im Klimaabkommen von Paris beschlossen, müssten die weltweiten Kohlendioxyd-Emissionen sofort und drastisch sinken. Das ist aber nicht in Sicht.

Die Temperatur steigt, der Meeresspiegel steigt, das Eis auf Grönland schmilzt, das Eis in der Antarktis schmilzt, die Gebirgsgletscher ziehen sich zurück. Alle diese Dinge wissen und spüren die Menschen. Aber es ist für die meisten noch keine direkte Bedrohung. Das ist der Grund, warum sie ihr Verhalten nicht drastisch ändern.

Q: Wir vertrauen auf das technisch Machbare, wir werden schon Lösungen finden.

HL: Die Wissenschaftler zu Beginn des 19. Jahrhunderts waren der Meinung, man könne alles ganz genau vorausberechnen, dieser Extrapolationscharakter des 19. Jahrhunderts. Gerade dieses Alles-im-Griff-haben, glaube ich, ist die Hybris der Moderne in all ihren Verirrungen. In einer Vorlesung über die Stabilität von Systemen zeige ich gerne eine Reihe von Exponential-Kurven: Anstieg von Kohlendioxyd und Methan in der Atmosphäre, Anstieg der Oberflächentemperatur, Versauerung der Meere, Verlust von tropischen Wäldern, Wachstum der Bevölkerung, Verbrauch von Primärenergie, Verbrauch von Düngemitteln, alles über die letzten 150 Jahre gemessen. Aus diesen wenigen Exponential-Kurven, aus diesen Wachstumskurven, diesen Hockeyschlägerkurven lässt sich für einen gesunden Menschenverstand – da müssen Sie gar kein Physiker sein – mit einem schnellen Blick ablesen, dass wir so nicht weitermachen können. Irgendwann ist die Party vorbei. Jede dieser Kurven wird ein Limit durchbrechen. Das kann sehr plötzlich passieren. Die Konsequenzen sind nicht mehr berechen- geschweige denn beherrschbar. Diese Hockeyschlägerkurven zeigen uns zwei Dinge: Erstens, wir können massive Veränderungen vornehmen und bewirken. Und zweitens: Bisher haben wir das in die falsche Richtung getan.

Q: Was würde Ihrer Meinung nach in die richtige Richtung gehen?

HL: Wenn wir uns unsere tatsächlichen Handlungen anschauen, diese unfassbare Kluft zwischen dem, was wir wissen und machen könnten und dem, was tatsächlich passiert, ist leider erschreckend. Um Ihre Frage zu beantworten, fällt mir die Enzyklika „Laudato si’“ von Papst Franziskus ein oder auch die UN-Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung. Alles Ideen und Konzepte für eine zukünftige Resilienz, die ich in meinem Buch ausführlich darstelle.

Q: Mit der Agenda 2030 will die UN den Hunger, die Ungleichheit und die ökologische Zerstörung auf unserem Planeten bis zum Jahr 2030 besiegt haben. Was kann man von einer solchen UN-Agenda halten? Wird sie jemals umgesetzt werden?

HL: Natürlich klingt das alles sehr ambitioniert, um nicht zu sagen schier unmöglich. Trotzdem, die Vereinten Nationen sind das Beste, was wir haben. Es gibt keinen anderen Völkerbund. Es gibt für uns keine Alternative, als immer wieder aufs Neue die Menschheit aufzurufen, sich an solchen Zielen zu orientieren und zu versuchen, sie zu erreichen. Die Alternative: Wir Menschen, auf einem Floß aus Baumstämmen, treiben auf dem Meer und zersägen und verheizen unseren Untersatz Stück für Stück. So leben wir tagein tagaus. Das muss zum Untergang führen. Keine Frage.

Das Anthropozän liefert uns die ideale Gelegenheit, a) Inventur zu machen: Was ist der Fall? b) nachzuhaken: Was machen wir mit der Inventur? Was sollen wir tun? Wir können dem Anthropozän einen ethischen Platz einräumen. Ich weiß, das ist nicht so gern gesehen. Ethische Themen sind immer schwierig. Warum? Weil sie keine einfachen Ja- und Nein-Antworten liefern. Bei einem ethischen Thema geht es darum, abzuwägen. Wie können wir in der Weltgemeinschaft, innerhalb einer Gesellschaft, Gerechtigkeit verhandeln? Die einen haben noch gar nicht an dem Wohlstand teilgenommen, die anderen haben viel zu viel. Einzelne haben Milliarden von Dollars. Viele Milliarden Menschen haben nicht mal ein paar Dollar.

Diese Gerechtigkeitsunterschiede innerhalb der Weltgemeinschaft, innerhalb von Nationen, bergen Konfliktpotenzial. Denn was passiert, wenn auf einem Kontinent der Wohlstand überquillt und auf dem anderen Dürren und Hungersnöte herrschen? Was passiert denn dann? Genau, die Not revoltiert oder setzt sich in Bewegung. Wir müssen zu einer Lösung kommen. Global muss verhandelt werden, national muss verhandelt werden. Sogar innerhalb von uns selbst muss verhandelt werden. Wir wissen alle, dass ambitionierte Ziele wie in der UN-Agenda 2030 nicht vollständig erreicht werden können, aber es ist allemal besser, nach dem Unmöglichen zu streben, damit das Mögliche erreicht werden kann.

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