Animationsfilm „Findet Dorie“: Doktorfische sind wunderschön – aber nicht für Kinder geeignet

Animationsfilm „Findet Dorie“: Doktorfische sind wunderschön – aber nicht für Kinder geeignet

Zentralverband Zoologischer Fachbetriebe e.V. (ZZF) warnt vor unbedachter Anschaffung von Meerwasserfischen / Palettendoktorfische brauchen Platz und fachkundige Pflege / Kinder haben mehr Freude an Süßwasserfischen „Animationsfilm „Findet Dorie“: Doktorfische sind wunderschön – aber nicht für Kinder geeignet“ weiterlesen

Alle Augen auf Dory!

Alle Augen auf Dory!

SAIA-Kampagne warnt vor Überfischung der
Palettendoktorfische

Die Sustainable Aquarium Industry Association (SAIA) hat eine
umfangreiche Kampagne zum Schutz des Palettendoktorfisches
gestartet. Anlass ist der Blockbuster „Findet Dory“, der am 17. Juni 2016
Premiere feiert. Mit „Findet Dory“ will der Disney-Konzern an seinen
Erfolg mit „Findet Nemo“ von 2003 anknüpfen und ihn sogar noch
übertreffen. SAIA dagegen warnt: Sollte die Nachfrage der Aquarianer
nach Palettendoktorfischen ähnlich rasant steigen wie ab 2003 die
Nachfrage nach Anemonenfischen, so sind lokale Populationen von
Überfischung bedroht.

Von Nemo lernen

Kurzer Rückblick: Der Blockbuster mit dem niedlichen Anemonenfisch
Nemo weckte vor allem in vielen Kindern den Wunsch, sich einen Nemo
ins heimische Aquarium zu holen. Die Nachfrage nach Anemonenfischen
(Amphiprion) stieg um 25 Prozent1 und wurde durch vermehrte
Nachzuchten und Wildfänge befriedigt. Die Hälterungsbedingungen
waren in den meisten Fällen aber nicht artgerecht, sodass viele Tiere
nicht lange überlebten. Im Film entkommt Nemo dem Dasein im
Aquarium durch einen Abfluss, weil angeblich alle Abflüsse im Meer
enden würden. Unzählige Kinder machten das nach und führten ihren
Nemo damit, wenn auch ungewollt, in den sicheren Tod. 2
Palettendoktorfische nicht nachzüchtbar

Mit groß angelegter Aufklärung will das Projekt SAIA der Organisation
ESAIA e. V. verhindern, dass Palettendoktorfische (Paracanthurus
hepatus) ein ähnliches oder sogar schlimmeres Schicksal erleiden.
„Palettendoktorfische sind anspruchsvolle Tiere, die nur von erfahrenen
Aquarianern und unter optimalen Bedingungen gehalten werden können“, erklärt Meeresbiologin und SAIA-Projektleiterin Christiane Schmidt. „Im Gegensatz zu Anemonenfischen können
Palettendoktorfische nicht nachgezüchtet werden. Alle verkauften Fische
würden also aus der Wildnis stammen. In den Herkunftsländern wie
Indonesien sind die Bestände der Aquarienfische ohnehin schon stark
dezimiert. Einen Nemo-ähnlichen Ansturm würde die Spezies nicht
verkraften.“

Filme, Interviews, Onlineworkshops

Die einjährige SAIA-Kampagne im Vorfeld des Dory-Films richtet sich
nicht gegen den Film selbst. Vielmehr steht der bedachtsame Umgang
mit den Fischen jenseits der schönen bunten Kinowelt im Fokus. Auftakt
bildet der SAIA-Film „Auf der Suche nach ‚Letter 6‘“, der das mühevolle
Aufstöbern der Tropenfische und den langen, strapaziösen Weg der
Tiere vom Riff bis zum Aquarianer dokumentiert. Dazu wird es
Onlineseminare und Artikel von renommierten Wissenschaftlern und von
Hobbyaquarianern geben, Züchter und Händler kommen zu Wort. Die
Organisation steht zudem Akteuren aus Industrie, Politik und Verbänden
sowie Hobbyaquarianern und allen Interessierten bei Fragen fachkundig
Rede und Antwort.

1Quelle: Oceans, Reefs & Aquariums (ORA) in: Prosek, James (2010): Beautiful Friendship.
http://ngm.nationalgeographic.com/2010/01/clownfish/prosek-text.
2
http://de.wikipedia.org/wiki/Findet_NemoWeitere Informationen
http://www.saia-online.eu

Kontakt
ESAIA e.V.
Christiane Schmidt
Marquardsholz D10
91161 HIP
Telefon: +49.(0)9174.78.36.798
E-Mail: vorstand@esaia.net
Internet: http://www.saia-online.eu
Über ESAIA e. V.
Als einziger Verein seiner Art setzt sich ESAIA e. V. mit dem Projekt
Sustainable Aquarium Industry Association (www.saia-online.eu) für
einen nachhaltigen und ethisch vertretbaren Handel mit
Meeresorganismen ein. Er kämpft für ein Umdenken hin zu mehr
Nachhaltigkeit und Fair Trade und bezieht dazu alle Stakeholder mit
ein – die Industrie ebenso wie die Hobbyaquarianer. Im Fokus stehen
wissenschaftliche, ökologische, biologische und soziale Aspekte der
Meeresaquaristik. Vorsitzende und Projektleiterin ist die ausgebildete
Meeresbiologin Christiane Schmidt.

Die Schattenseiten des Aquarienhandels

zierfischfang

Die Schattenseiten des Aquarienhandels

Grundlage der Fischerei von Zierorganismen in Indonesien ist ein mittelalterlich anmutendes Lehnsystem. Forscher des ZMT haben es unter die Lupe genommen.
Das Sammeln von Meeresorganismen für den Aquarienhandel hat in den letzten Jahren stark zugenommen. Weltweit werden pro Jahr bis zu 46 Millionen Tiere mit einem Wert zwischen 200 und 330 Millionen US Dollar gehandelt. Indonesien ist eines der bedeutendsten Herkunftsländer für Aquarientiere aus Korallenriffen. In einer kürzlich publizierten Studie haben Forscher des Leibniz-Zentrums für Marine Tropenökologie (ZMT) in Bremen untersucht, warum die staatliche Reglementierung des Fangs von Zierorganismen in dem Inselstaat nicht greift.

Lediglich 1-2% der gehandelten Rifforganismen stammt aus Aquariennachzuchten, der Löwenanteil wird immer noch wild gefangen. Steinkorallen, die hauptsächlich in die USA, Europa und Japan exportiert werden, machen ein Viertel der weltweit gehandelten Aquarienorganismen aus. Über 80% davon kommen aus Indonesien, wo viele Fischer ihren Lebensunterhalt mit dem Sammeln von Korallen verdienen. Auch Zierorganismen wie Anemonenfische und Riffbarsche sind dort eine beliebte Beute der Fischer.

Um mögliche Schutzinterventionen vorschlagen zu können, erforschten der Riffökologe und Sozialwissenschaftler Sebastian Ferse und seine Kollegen vom ZMT die Lebensbedingungen der Fischer im Spermonde-Archipel und wie sie in den Handel mit Zierorganismen involviert sind. Der Archipel vor Südwest-Sulawesi ist eine dicht besiedelte Inselregion und weist einen besonders regen Handel mit Aquarientieren auf. Die Forscher interessierten sich insbesondere für die sozialen Bedingungen und Abhängigkeiten, die der Arbeit der Fischer zugrunde liegen. Auf mehreren Expeditionen befragten sie Bewohner der Inseln sowie Händler und Regierungsvertreter in Makassar, der nahe gelegenen Hauptstadt Süd-Sulawesis, und beobachteten den Fang von Zierorganismen.

Wie die Forscher herausfanden, sind die Fischer des Archipels eingebunden in ein archaisch anmutendes Lehnsystem. „Die Fischer arbeiten für Mittelsmänner, so genannte Patrone“ berichtet Sebastian Ferse. „Bei diesen liefern sie ihren Fang ab und erhalten dafür ein Entgelt, was meist unter den marktüblichen Preisen liegt. Was, wie viel und womit gefangen wird, ist letzten Endes Sache der Auftraggeber.“ Verpflichtet sich der Fischer, regelmäßig Ware bei „seinem“ Patron abzuliefern, bietet dieser ihm eine Art soziale Absicherung, die er vom Staat nicht erhalten würde. Der Patron gewährt kleine Kredite, Unterstützung im Krankheitsfall oder bei materiellen Verlusten durch Naturgewalten.

Die Zwischenhändler sind mit dem nationalen und internationalen Handel gut vernetzt und leiten die Nachfrage an die Fischer weiter. Die meisten Patrone haben sich auf bestimmte Tierarten spezialisiert, so dass ein Markt für eine große Vielfalt an Rifforganismen entstanden ist. Viele Rifftiere sind deshalb vor Sulawesi sehr selten geworden. Zudem ist der Einsatz von zerstörerischen Fangmethoden wie Gift- und Dynamitfischerei in Spermonde immer noch weit verbreitet. Zwar hat der indonesische Staat zum Schutz der Riffe Fangquoten eingerichtet und vergibt Fanglizenzen, die über die Patrone an die Fischer weitergereicht werden. „Die staatliche Reglementierung findet allerdings kaum Beachtung“ berichtet Sebastian Ferse „Die Patrone lassen auch Fischer ohne Lizenz für sich arbeiten.“ Viele Fänge erscheinen daher nicht in den offiziellen Fangstatistiken.

Nach Einschätzung von Sebastian Ferse und seinen Kollegen sind die Patrone zwar wesentliche Mitverursacher der ökologischen Probleme, sie könnten jedoch auch deren Lösungsansatz sein. Diese – bisher oft übersehenen – Bindeglieder zwischen Fischer und Markt üben einen entscheidenden Einfluss auf das Verhalten der Fischer aus und sollten in Managementmaßnahmen mit einbezogen werden, um eine nachhaltige Nutzung der Meeresressourcen anzustreben.

Weitere Informationen:
Dr. Sebastian Ferse
Leibniz-Zentrum für Marine Tropenökologie
Email: sebastian.ferse@zmt-bremen.de

Publikation:

Ferse S.C.A., L. Knittweis, G. Krause, A. Maddusila & M. Glaser (2012): Livelihoods of ornamental coral fishermen in South Sulawesi/Indonesia: implications for management. Coastal Management 40(5):525-555. doi:10.1080/08920753.2012.694801.