EU zieht ersten Schlussstrich unter Grundschleppnetzfischerei in der Tiefsee

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Umweltschutzorganisationen begrüßen die am 30. Juni vom Europäischen Parlament, dem Ministerrat und der Europäischen Kommission erzielte Einigung über zentrale Bestandteile einer neuen EU-Verordnung zur Tiefseefischerei. Diese sieht unter anderem ein Verbot der Grundschleppnetzfischerei in einer Tiefe von mehr als 800 Metern und eine Schließung von Gebieten, in denen empfindliche Meeresökosysteme vermutet werden, vor. „EU zieht ersten Schlussstrich unter Grundschleppnetzfischerei in der Tiefsee“ weiterlesen

Fischreichtum in Korallenriffen braucht besseres Management

Fischer in Manus (Papua Neuguinea) Copyright: Dr. Sebastian Ferse, Leibniz-Zentrum für Marine Tropenökologie (ZMT)
Fischer in Manus (Papua Neuguinea)
Copyright: Dr. Sebastian Ferse, Leibniz-Zentrum für Marine Tropenökologie (ZMT)

Hoffnungsschimmer für bedrohte Riffe: Neue Erkenntnisse zum Fischreichtum in Korallenriffen

Internationales Forscherteam untersucht über 2.500 Riffe in 46 Ländern / Neue Ansätze zum Schutz der Riffe / Bremer Wissenschaftler Dr. Sebastian Ferse ist Mitautor der Studie in „Nature“ „Fischreichtum in Korallenriffen braucht besseres Management“ weiterlesen

Kaltwasserkorallen: Die Wohlfühlzone war schon immer dünn

Kaltwasserkorallenriff in Nordnorwegen. Die Korallen bilden entlang der gesamten europäischen Küste große Riffe. Foto: ROV-Team, GEOMAR.
Kaltwasserkorallenriff in Nordnorwegen. Die Korallen bilden entlang der gesamten europäischen Küste große Riffe. Foto: ROV-Team, GEOMAR.

GEOMAR-Forscher rekonstruieren die Entwicklung von Karbonathügeln vor Irland

Beobachtungsdaten zeigen, dass Kaltwasserkorallen vor Europas Küsten in einer bestimmten Dichteschicht des Meerwassers gedeihen. Jetzt haben Paläoozeanographen des GEOMAR Helmholtz-Zentrums für Ozeanforschung Kiel nachgewiesen, dass die Organismen auch in den vergangenen 2,5 Millionen Jahren genau diese Wohlfühlzone benötigten. Bedingt durch natürliche Klimaschwankungen veränderte sich allerdings die Tiefe dieser Schicht, was sich direkt auf das Vorkommen der Korallen auswirkte. Die Studie ist in der internationalen Fachzeitschrift Paleoceanography erschienen.

Von Nordnorwegen bis nach Mauretanien erstrecken sich vor den Küsten Europas und Nordafrikas riesige Korallenriffe. Im Gegensatz zu den tropischen Korallen, die nur wenige Meter unterhalb der Wasseroberfläche gedeihen, wachsen diese Kaltwasserkorallen vor allem in Tiefen zwischen 200 und 1000 Metern. In einigen Regionen haben sie über Jahrmillionen bis zu 300 Meter hohe Karbonatberge unter Wasser erschaffen. Doch welche Umweltbedingungen eine Ansiedlung von Kaltwasserkorallen begünstigen, war bis vor wenigen Jahren unbekannt. Mit neuen Beobachtungsdaten konnten Paläoozeanographen des GEOMAR Helmholtz-Zentrums für Ozeanforschung Kiel zeigen, dass die lebenden Korallen eine bestimmte Dichteschicht des Wassers bevorzugen.

Jetzt hat das gleiche Forscherteam das Auf und Ab dieser Dichteschicht in den vergangenen zweieinhalb Millionen Jahren rekonstruiert und anschließend mit der Entwicklung fossiler Karbonathügel verglichen. In ihrem kürzlich in der internationalen Fachzeitschrift Paleoceanography veröffentlichten Beitrag zeigen sie, dass die Kaltwasserkorallen über den gesamten Zeitraum hinweg auf die gleichen Dichtewerte des Wassers als Wohlfühlzone angewiesen waren. „Da die Tiefe dieser Zone als Folge von natürlichen Klimaschwankungen stark variierte, wirkten sich diese Variationen auch direkt auf die Korallenvorkommen im Nordatlantik aus“, sagt Dr. Andres Rüggeberg, Erstautor der Studie, der mittlerweile an der Universität Fribourg in der Schweiz arbeitet.

Ein aktuelles West-Ost-Profil durch die Porcupine Seabight mit Angaben zur Meerwasserdichte. Links der Galway-Mound, ein Hügel mit üppigem Korallenwachstum an der Spitze. Sein Gipfel liegt genau in der Wohlfühlzone der Kaltwasserkorallen bei einer Dichte von 27,5 kg/m3. Rechts ein Hügel der "upper mound chain", bei denen das Korallenwachstum an der Spitze deutlich schwächer ist. Grafik: GEOMAR
Ein aktuelles West-Ost-Profil durch die Porcupine Seabight mit Angaben zur Meerwasserdichte. Links der Galway-Mound, ein Hügel mit üppigem Korallenwachstum an der Spitze. Sein Gipfel liegt genau in der Wohlfühlzone der Kaltwasserkorallen bei einer Dichte von 27,5 kg/m3. Rechts ein Hügel der „upper mound chain“, bei denen das Korallenwachstum an der Spitze deutlich schwächer ist. Grafik: GEOMAR

Für ihre Studie nutzten die Wissenschaftler unter anderem Bohrkerne aus alten Korallenhügeln, die in der Porcupine Seabight liegen. Dabei handelt es sich um eine weite Einbuchtung des Kontinentalhanges vor der Westküste Irlands mit Wassertiefen zwischen 400 und 3000 Metern. Die Bohrkerne waren schon 2005 mit dem US-amerikanischen Bohrschiff JOIDES RESOLUTION im Rahmen des Integrated Ocean Drilling Programm (heute: International Ocean Discovery Program, IODP) gewonnen worden.

Mit Hilfe von präzisen Isotopenanalysen in den Laboren des GEOMAR konnte einerseits das Alter der einzelnen Baustadien der Hügel genau bestimmt werden, andererseits gelang auch die Rekonstruktion der Dichte des umgebenden Seewassers für die vergangenen 2,7 Millionen Jahre. So konnten die Wissenschaftler Phasen, in denen die Hügel schnell oder langsam empor wuchsen, mit der jeweiligen Tiefe der speziellen Dichteschicht abgleichen. „Lag sie an der Spitze der Hügel, gediehen die Korallen dort besonders gut und die Hügel wuchsen schnell in die Höhe. Verschob sie sich dagegen weiter nach oben oder unten, wuchsen die Hügel nur noch langsamer oder gar nicht mehr“, sagt Dr. Sascha Flögel vom GEOMAR, Ko-Autor der Studie.

Die Ergebnisse helfen der Forschung aus zwei Gründen: „Wir können so die Geschichte der verschiedenen Meeresströmungen und Wasserschichten in der Region besser nachvollziehen als bisher“, sagt Dr. Rüggeberg. Sein Kollege Dr. Flögel ergänzt: „Gleichzeitig zeigt uns die Studie, wie empfindlich die Korallen auf Umweltveränderungen reagieren. Da auch Wassertemperaturen eine Rolle für die Dichte spielen, könnte eine Erwärmung des Meerwassers das Korallenwachstum deutlich beeinflussen.“

Originalarbeit:
Rüggeberg, A., S. Flögel, W.-C. Dullo, J. Raddatz, V. Liebetrau (2016): Paleoseawater density reconstruction and its implications for cold-water coral carbonate mounds in the northeast Atlantic through time. Paleoceanography, 31(3), 365–379, http://dx.doi.org/10.1002/2015PA002859

Ozeanversauerung: Marine Baumeisterin verliert Stabilität

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Proben von Lithothamnion glaciale im Labor. Foto: Federica Ragazzola

Koralline Rotalge bildet bei erhöhtem Kohlendioxid-Gehalt empfindlichere Zellen

Rotalgen zählen zu den bedeutendsten Baumeistern im Lebensraum Meer. Doch bei steigenden Kohlendioxid-Konzentrationen und zunehmender Ozeanversauerung könnte es ihnen schwerer fallen, anderen Pflanzen und Tieren eine Existenzgrundlage zu bieten. Experimente am GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel sowie Messungen am GEOMAR, an der Universität Bristol und der Universität Western Australia ergaben, dass die Art Lithothamnion glaciale ihre Widerstandskraft gegen Erosion und Fraß einbüßen könnte. Damit wäre eine wichtige Grundlage der artenreichen Ökosysteme am Meeresboden in Gefahr. Die im Fachmagazin Scientific Reports veröffentlichten Erkenntnisse werfen ferner die Frage auf, ob koralline Algen ein verlässlicher Indikator für Temperaturen vergangener Erdzeitalter sind.

Im Zuge der globalen Veränderungen und der zunehmenden Versauerung der Ozeane könnte eine wichtige Basis für Lebensräume am Meeresboden verlorengehen. Lithothamnion glaciale – eine rot-violette koralline Alge, deren Strukturen eine Vielzahl an marinen Organismen, darunter auch Larvenstadien wirtschaftlich wichtiger Fischarten, beherbergen – bildet bei steigenden Kohlendioxid-Konzentrationen weniger stabile Zellen. Dadurch kann ihre Widerstandskraft gegen Erosion und Fraß leiden. Dies haben Untersuchungen eines Teams von Wissenschaftlern des GEOMAR Helmholtz-Zentrums für Ozeanforschung Kiel sowie der Universitäten von Bristol, Portsmouth und Western Australia ergeben. Ihre Ergebnisse veröffentlichten die im Fachmagazin Scientific Reports.

Koralline Algen bilden ihre Zellwände üblicherweise aus einer Form von Kalzit, die eine große Menge an Magnesium enthält. Während ihres Wachstums entwickeln sie kreisförmige Bänder, die an Baumringe erinnern. Im Sommer gewachsene Bänder enthalten mehr Magnesium als diejenigen, die im Winter entstanden. Um das Wachstum und die Anreicherung mit Magnesium zu überprüfen, hielten Wissenschaftler Lithothamnion glaciale unter aktuellen Kohlendioxid-Konzentrationen und bei Werten, die für die Zukunft erwartet werden. Wassertemperatur und Lichtverhältnisse wurden stabil gehalten.

„Unter einem erhöhten Kohlendioxid-Anteil arbeiteten die Algen weniger Magnesium in ihre Zellwände ein, und die Wände blieben dünner als bei gegenwärtigen Konzentrationen. Auch deren Struktur war verändert“, fasst Dr. Federica Ragazzola, Biologin am Institut für Meereswissenschaften an der Universität Portsmouth zusammen. Ragazzola führte ihr Experiment im Jahr 2010 im Rahmen des deutschen Forschungsprojekts zur Ozeanversauerung BIOACID (Biological Impacts of Ocean Acidification) am GEOMAR durch. „Wir sehen zwei mögliche Gründe für den Magnesium-Schwund: Entweder haben die Algen magnesium-reiches Kalzit gegen eine weniger lösliche Zusammensetzung ausgetauscht oder sie haben einen Teil des Kalzits aufgrund der Versauerung eingebüßt. In jedem Fall verliert Lithothamnion ihre Elastizität und Härte. So kann sie leichter beschädigt werden.“ Die Wissenschaftler vermuten daher, dass die Alge nicht in der Lage sein wird, ihre wichtige Funktion als Ökosystem-Ingenieurin beizubehalten.

Weil sie Veränderungen der Temperatur und der Licht-Intensität als Gründe für den Rückgang der Magnesiumkonzentrationen in ihrem Experiment ausschließen können, interpretieren die Forscher ihn als eindeutige Reaktion auf die Ozeanversauerung. Dies hat auch Auswirkungen auf die Rekonstruktion des Klimas vergangener Erdzeitalter: „Das Verhältnis von Magnesium zu Kalzium in Kalkalgen wurde häufig als Anhaltspunkt für Temperaturen verwendet. Aber da unsere Proben bei konstanten sieben Grad Celsius gehalten wurden, können wir Veränderungen in der Magnesiumkonzentration nicht auf die Temperatur zurückführen. Ohne eine Information zum Säuregrad können Temperatur-Rekonstruktionen, die ausschließlich auf dem Verhältnis von Magnesium zu Kalzium basieren, leicht in die Irre führen“, betont Dr. Jan Fietzke vom GEOMAR.

Der Physiker hat kürzlich mit einer innovativen Kombination von Lasertechnik und Isotopenanalytik pH-Werte der vergangenen 120 Jahre aus dem Nordpazifik rekonstruiert. „Die aktuelle Publikation ist ein hervorragendes Beispiel für die Zusammenarbeit mit unseren britischen Kollegen, die sich während der ersten Phase des Projekts BIOACID entwickelt hat“, so Fietzke. „Die Analyse biologischer und chemischer Prozesse mittels solcher ortsaufgelöste Analysen, wird uns noch eine ganze Reihe spannender Einblicke eröffnen.“

Originalveröffentlichung:
Ragazzola, F., L.C. Foster, C.J. Jones, T B. Scott, J. Fietzke, Matt R. Kilburn, and D.N. Schmidt (2016): Impact of high CO2 on the geochemistry of the coralline algae Lithothamnion glaciale. Scientific Reports, 6:20572, http://dx.doi.org/10.1038/srep20572

BIOACID in Kürze:
Unter dem Dach von BIOACID (Biological Impacts of Ocean Acidification) untersuchen zehn Institute, wie marine Lebensgemeinschaften auf Ozeanversauerung reagieren und welche Konsequenzen dies für das Nahrungsnetz, die Stoff- und Energieumsätze im Meer sowie schließlich auch für Wirtschaft und Gesellschaft hat. Das Projekt wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) unterstützt. Die Koordination liegt beim GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel. Eine Liste der Mitglieds-Institutionen und weitere Informationen finden sich unter www.bioacid.de.

Schwämme und Korallen kooperieren im Riff eng zusammen

 

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Steinkorallen im Flachwasser (ca. 3 m Wassertiefe) im untersuchten jordanischen Warmwasserkorallenriff im Roten Meer. © Dr. Malik Naumann

Korallen und Schwämme kommunizieren über ihren Stoffwechsel miteinander

Ein internationales Forscherteam machte kürzlich eine überraschende Entdeckung im Meer: Korallen und Schwämme kommunizieren über ihren Stoffwechsel miteinander. Dies gilt sowohl für tropische Warmwasserkorallenriffe im Flachwasser als auch für Kaltwasserkorallenriffe in den Tiefen des Nordatlantiks. Diese Entdeckungen wurden jetzt durch die vor Kurzem an der Universität Bremen promovierte kanadische Nachwuchswissenschaftlerin Dr. Laura Rix als Erstautorin in der renommierten multidisziplinären Fachzeitschrift „Scientific Reports“ (http://www.nature.com/articles/srep18715) veröffentlicht.

Schwammschleife

Die Forscher fanden heraus, dass Schleime, die kontinuierlich und oft in großen Mengen von Korallen ins Wasser abgegeben werden, von Schwämmen in ihrer Umgebung gut als Nahrung aufgenommen werden können. Der Clou dabei: Ein Großteil der von den Korallen abgegebenen Schleime löst sich sofort im Wasser und ist mikroskopisch klein. Dieses energie- und nährstoffreiche Material ist daher für die meisten Organismen in Warm- oder Kaltwasserkorallenriffen nicht verwendbar. Schwämme allerdings besitzen eine für das Tierreich einzigartige Eigenschaft: Sie können über einen Prozess, der als „Schwammschleife“ bezeichnet wird, unsichtbares gelöstes organisches Material in sichtbare Teilchen, sogenanntes partikuläres organisches Material, umwandeln. Schwämme machen dies über einen extrem schnellen Zellstoffwechsel. Dies führt dazu, dass kurz nach der Aufnahme des gelösten organischen Materials, zelluläre Klumpen abgegeben werden. Diese können dann von vielen Rifforganismen, wie wirbellosen Tieren (zum Beispiel Würmern, Schnecken, Krebsen, und Seesternen), als Nahrung verwendet werden.

Parallel-Experimente in 3.000 km Entfernung

Das Forscherteam machte diese Entdeckung durch eine Reihe von Parallel-Experimenten an Feldstationen in Jordanien am Roten Meer und Süd-Schweden am Skagerrak, also an zwei extrem unterschiedlichen Standorten, die mehr als 3000 km auseinander liegen. Die Korallen und Schwämme für die Experimente wurden in Jordanien aus 5-10 m Wassertiefe durch Taucher, und in Schweden aus mehr als 100 m Wassertiefe mit Hilfe eines Tauchroboters gesammelt. Trotz dieser starken Standort-Unterschiede fielen die Ergebnisse der Experimente sehr ähnlich aus: Der von Korallen-stammende Schleim wurde stets gut von den Schwämmen aufgenommen und zu etwa 20-40 Prozent schnell in Partikel umgewandelt.

Das Spannende an diesen Erkenntnissen ist also, dass es offensichtlich eine weitverbreitete Verknüpfung der Stoffwechselprozesse von Korallen und Schwämmen gibt. Das führt dazu, dass Energie und Nährstoffe in Warm- und Kaltwasserkorallenriffen zurückgehalten und direkt vielen Rifforganismen wieder zur Verfügung gestellt werden. Dies beugt Verlusten vor. Es handelt sich also um einen neuentdeckten Mechanismus, der zwei der wichtigsten Meeresbewohner miteinander verknüpft. Dieser Mechanismus unterstützt offensichtlich das Funktionieren ganzer Korallenriffökosysteme sowohl in den warmen Flachgewässern der Tropen als auch im kalten Tiefenwasser der gemäßigten Breiten.

Publikation: Rix et al. Coral mucus fuels the sponge loop in warm- and cold-water coral reef ecosystems. Sci. Rep. 5, 18715; doi: 10.1038/srep18715 (2015)

http://www.uni-bremen.de/universitaet/presseservice/pressemitteilungen/einzelanzeige/news/detail/News/korallen-und-schwaemme-kommunizieren-ueber-ihren-stoffwechsel-miteinander-1.html?cHash=5eec302d3b909f609ed23d06279c5007

Expertentalk: Juwelen der Tiefsee – Kaltwasserkorallen

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Die farbenfrohen Kaltwasserkorallen leben in den eisigen Tiefen der Weltmeere. Foto Uli Kunz

Expertentalk zu Kaltwasserkorallen

„Juwelen der Tiefsee“

Die Kaltwasserkoralle: Greenpeace und das Ozeaneum stellen die gefährdete Tiefsee-Schönheit vor – beim Expertentalk am 18. März in der Hamburger Greenpeace-Zentrale.

Exotische Fische, seichte tropische Gewässer – und dazwischen leuchtende Korallen in fantastischen Formationen. So ist das Bild, das wohl die meisten Menschen von den tierischen Stars der Riffe haben. Doch die farbenfrohen Nesseltiere leben auch in den kalten Tiefen der Weltmeere.

Licht in diese Dunkelheit bringen beim Expertentalk am 18. März 2015 Greenpeace-Meeresbiologin Sandra Schöttner und Henning May, Taucheinsatzleiter des Ozeaneums Stralsund.

Mit faszinierenden Unterwasserfotos und anschaulichen Exponaten wird Henning May die Zuschauer mitnehmen auf eine Tauchreise in den Lebensraum der Kaltwasserkorallen Dabei demonstriert er die Herausforderungen ihrer behutsamen Bergung, damit sie ins Ozeaneum in Stralsund verbracht werden können. Dort sind sie nicht nur Aquariumsbewohner in der Tiefseeausstellung, sie dienen zusätzlich auch der Forschung.

Mit Sandra Schöttner wird May über die Bedeutung von Kaltwasserkorallen als Riff-Baumeister und ihre Bedrohung sprechen – und darüber, was jeder einzelne für den Schutz der „Juwelen der Tiefsee“ tun kann. Denn die artenreichen Ökosysteme sind nicht nur durch die Fischerei gefährdet, sondern auch durch Klimawandel und Meeresverschmutzung.

Das Ozeaneum Stralsund und Greenpeace verbindet eine langjährige Kooperation zum Schutz der Meere. Mit der Ausstellung „1:1 – Riesen der Meere“ und Aktionstagen ist Greenpeace ständiger Gast im Ozeaneum. Mit dem Expertentalk findet nun eine gemeinsame Veranstaltung in der Greenpeace-Zentrale in Hamburg statt.
Kaltwasserkorallen – Juwelen der Tiefsee

Expertentalk bei Greenpeace mit

Dipl. Geogr. Henning May, Taucheinsatzleiter Ozeaneum Stralsund
Dr. Sandra Schöttner, Meeresbiologin, Greenpeace
Moderation: Dr. Onno Groß, Tiefseebiologe und Journalist, Deepwave Hamburg

18. März 2015, 20 Uhr, Einlass ab 19.30 Uhr

Veranstaltungsort: Greenpeace e.V., Hongkongstr.10, 20457 Hamburg

Dauer der Veranstaltung circa 2 Stunden, Eintritt frei

Anmeldung:

Bitte senden Sie Ihre verbindliche Anmeldung (Name, Personenanzahl) bis zum
13. März 2015 an ausstellung@greenpeace.de.

Die Zahl der Plätze ist begrenzt; die Plätze werden in der Reihenfolge der Anmeldungen vergeben.

Frischer Fisch: 150 Millionen Jahre alt

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Frischer Fisch: 150 Millionen Jahre alt

Ein Forscherteam des Jura-Museum Eichstätt (SNSB-JME) und des American Museum of Natural History (AMNH) untersuchte in einer Forschungsgrabung in den jurazeitlichen Plattenkalken von Ettling ein einzigartiges marines Ökosystem, das von Fischen dominiert war. Die Forschungsgrabung Ettling des Jura-Museums Eichstätt liefert außergewöhnlich gut erhaltene Fossilien. Die hervorragende Fossilerhaltung ermöglicht auch die Beantwortung von Fragen zur Ökologie und Paläobiologie. Zudem liefert die Fundstelle zahlreiche, bisher noch unbekannte Arten. Die Ergebnisse der von der Volkswagenstiftung finanzierten Studie sind in der renommierten Fachzeitschrift PLOS ONE erschienen.

„Die Plattenkalke von Ettling sind Ablagerungen eines unabhängigen Beckens innerhalb des großen Solnhofener Archipels, eines rund 150 Millionen Jahre alten tropisch warmen Flachmeeres, das von verstreuten Inseln, Schwamm- und Korallenriffen, Sandbarren und tieferen Becken geprägt war“ erläutert Dr. Martina Kölbl-Ebert, die an der Studie beteiligte Leiterin des Jura-Museums Eichstätt.

In den Becken lagerten sich die Solnhofener Plattenkalke ab, die durch ihre außerordentlich gut erhaltenen Wirbeltierfossilien, darunter der Urvogel Archaeopteryx, weltberühmt sind. Die Forschungsgrabung Ettling erschließt eines dieser Plattenkalkbecken. Während in den bekannten Plattenkalkbecken von Eichstätt, Solnhofen und anderswo Fische rund 10 bis 20% der Funde ausmachen, sind in Ettling über 95% aller Fossilien Fische, während beispielsweise Krebse extrem selten sind und Tintenfische völlig fehlen.

Interessanterweise sind viele der Ettlinger Fische neue, bisher unbekannte Arten. „Sie bieten Informationen über die frühe Entwicklungsgeschichte der modernen Strahlenflosser und machen Ettling zu einem herausragenden Fenster in die Erdgeschichte“ freut sich Dr. Jennifer Lane, die als Research Associate des AMNH an der Studie beteiligt ist.

Die Untersuchung von Mageninhalten, Fraßresten und fossilem Kot ergänzt die anatomische Untersuchung der Fischfossilien und bestätigt die dort gewonnene Erkenntnis, dass die Nahrungsketten des Ettlinger Ökosystem jenseits des Planktons im Wesentlichen aus Fischen unterschiedlicher Größe bestand.

„Dieses ungewöhnliche Ökosystem mit seiner teils einzigartigen Fischfauna unterscheidet diese Fundstelle von den bekannteren Plattenkalkbecken des Solnhofen Archipels und ist wahrscheinlich die Folge einer Isolation dieses Beckens. Die Ettlinger Fauna demonstriert, wie wichtig es ist, die einzelnen Plattenkalkbecken der Solnhofener Plattenkalke getrennt zu untersuchen. Nur so lassen sich die ökologischen Zusammenhänge verstehen“ betont Grabungsleiter und Fischspezialist Dipl.-Geol. Martin Ebert.

Originalveröffentlichung:
Ebert, Martin; Kölbl-Ebert, Martina; Lane, Jennifer (2015): Fauna and Predator-Prey Relationships of Ettling, an Actinopterygian-Fish Dominated Konservat-Lagerstätte from the Late Jurassic of Southern Germany. PLOS ONE http://dx.plos.org/10.1371/journal.pone.0116140

Weitere Informationen:

http://www.snsb.de
http://www.jura-museum.de
http://dx.plos.org/10.1371/journal.pone.0116140

Ölförderung vor den Malediven: Unterwasserparadies in Gefahr

Notruf aus den Malediven

Ölförderung vor den Malediven: Unterwasserparadies in Gefahr

Noch sind die Korallenriffe der Malediven eine meeresbiologische Schatztruhe. Letztes Jahr besuchten mehr als 1,2 Millionen Touristen die Inselgruppe. Doch das Ferienparadies ist in Gefahr. Bereits 2014 wurden erste Voruntersuchungen zum Ölvorkommen vor dem Inselstaat durchgeführt. Mit extrem lauten Schallkanonen will die nationale Ölfirma nun umfassende seismische Explorationen veranlassen. Auch Probebohrungen sind geplant. Die maledivische Regierung behandelt die Ölsuche streng geheim – nur wenig sickerte dazu bisher an die Öffentlichkeit. Die Meeresschutzorganisation OceanCare lanciert heute die internationale Protestkampagne „Notruf aus den Malediven“. Dass ein solcher Protest Wirkung erzielen kann, wurde 2014 deutlich: In den Gewässern um die Balearen konnte die Ölsuche so vorläufig verhindert werden.

Die staatliche Ölfirma Maldives National Oil Company (MNOC) plant vor den heimischen Atollen nach Erdöl zu suchen. Betroffen wären einige der letzten mehrheitlich intakten Unterwasserwelten. Ölsuche und Ölförderung bringen Umweltprobleme mit sich, die sowohl die Meerestiere als auch das fragile Ökosystem der Malediven ernsthaft bedrohen. „Das Gleichgewicht dieses Unterwasserparadieses im Indischen Ozean hängt an einem seidenen Faden. Die Riffe sind bereits durch Übernutzung und Klimawandel stark unter Druck. Nun stellt der Lärm der Erdölsuche eine weitere Gefahr für die Delphine, Schildkröten, Fische und anderen Meerestiere rund um die Malediven dar. Wir wollen dafür sorgen, dass die Unterwasserwelt der Malediven vom Lärm der Druckluftkanonen verschont bleibt.“, so Sigrid Lüber, Präsidentin von OceanCare.

Ausverkauf des eigenen Unterwasserparadieses

Der maledivische Präsident Abdulla Yameen hat die Suche nach Erdöl unter dem Meeresgrund vor den Malediven 2014 zum Wahlversprechen gemacht. Die Regierung plant, die Malediven als Ölförderland zu bewerben, will die Ölsuche an sich aber geheim halten. Tatsache ist, dass das deutsche Forschungsschiff „Sonne“ im August 2014 bereits seismische 3D-Voruntersuchungen gemacht hat –100 Seemeilen östlich der Region von Laamu und des Thaa Atolls. Gemäss dem Fischereiminister Mohamed Shainee habe man dabei Gestein aus Kohlenwasserstoffen gefunden. „Es ist zynisch, dass eine Region, die so stark durch die globale Erwärmung bedroht ist, selbst fossile Brennstoffe erschliessen möchte“, kritisiert die OceanCare-Präsidentin.

Die Regierung der Malediven prüft die Ergebnisse der Voruntersuchungen im ersten Quartal 2015. Auf die Suche nach Rohöl spezialisierte Unternehmen aus Norwegen und Deutschland wurden gebeten, bei der Auswertung zu helfen. Drittparteien wird der Zugang zu den Ergebnissen verwehrt.

Weitere seismische Tests und Probebohrungen sollen folgen. Die MNOC wird unter anderem mit den Vorbereitungen für die Vergabe von Lizenzen für seismische Explorationen beauftragt. Indien hat bereits zugesagt, bei der Förderung des Rohöls zu helfen, ehe es in den Nachbarländern Indien, Sri Lanka und Singapur raffiniert werden soll. Gemäss MNOC soll ein Grossteil des Erdöls den Bedarf der Malediven selber decken.

Protest „Notruf aus den Malediven“

OceanCare lanciert heute die weltweite Protestkampagne „Notruf aus den Malediven“. Damit informiert die Organisation als Initiantin der internationalen Koalition „Silent Oceans“ über die drohende Gefahr und animiert zum E-Mail-Protest an die Adresse des Tourismus-Ministers der Malediven. Die Suche nach Öl in der Region muss umgehend eingestellt werden. „Lokale Umweltverbände sind tief besorgt. Einer davon, Ecocare Maldives, hat OceanCare konkret um Hilfe gebeten. Wir hoffen nun auf die Unterstützung einer breiten Öffentlichkeit sowie der Tourismusindustrie, um unserem Protest Gewicht zu verleihen“, sagt Lüber.

Ausserdem wird OceanCare, gemeinsam mit den Partnern der Silent Oceans-Koalition in einem detaillierten „Statement of Concern“ die maledivische Regierung öffentlich mit den negativen Aspekten der Ölförderungspläne konfrontieren und ihre ernsthafte Besorgnis zum Ausdruck bringen.

Druck der Öffentlichkeit wirkt

Was das Engagement der Öffentlichkeit erreichen kann, hat sich auf den Balearen gezeigt: In den Gewässern dieser Inselgruppen konnte OceanCare, zusammen mit ihren Koalitionspartnern und dank dem Protest der Lokalbevölkerung, den Einsatz der gefährlichen Schallkanonen vorläufig verhindern. Auch auf den Kanarischen Inseln erwirkte die lokale Bevölkerung den Rückzug des Ölkonzerns Repsol.

„Die Tatsache, dass Ölfirmen auf die Erschliessung eines weiteren fragilen Lebensraums und beliebten Reiseziels drängen, dürfte wiederum für Empörung sorgen“, meint Lüber abschliessend.

Weiterführende Links und Informationen

Email-Protest und alle relevanten Infos auf: http://www.silentoceans.org
Kampagnenvideo: https://vimeo.com/oceancare/malediven

Malediven: Wasserwelt von unschätzbarem Wert

Dank der zahlreichen Korallenriffe findet sich auf den Malediven einer der grössten maritimen Artenreichtümer des Planeten. Die Riffe des Inselstaates bilden das siebtgrösste Riff der Welt. Sie beherbergen rund 250 verschiedene Korallen- und über 1 000 Fischarten. Jährlich reisen Tausende Tauchsportbegeisterte auf die Inselgruppen im Indischen Ozean. Der Tourismus und die Fischerei bilden die wichtigsten Wirtschaftszweige und machen 90% des Bruttoinlandsprodukts der Malediven aus. Beide Standbeine seien durch die mit der Ölsuche und Ölförderung einhergehenden Umweltproblemen gefährdet, sorgt sich die lokale Nichtregierungsorganisation Blue Peace.

Erdölsuche: Tödliche Gefahr für Meerestiere

Ölexplorationsschiffe benützen seismische Druckluftkanonen – so genannte Airguns –, um Ölvorkommen unter dem Meeresgrund zu sondieren. Der Explosionsschall von bis zu 260 dB durchdringt das Meereswasser Tausende von Metern bevor er bis zu hunderte Kilometer weit in den Boden eindringt. Bis zu 20 Kanonen werden gleichzeitig abgefeuert. Jede von ihnen generiert alle 10 bis 15 Sekunden eine Schallemission und dies während 24 Stunden pro Tag, oft über Monate hinweg im selben Gebiet. Diese Schallwellen gehören zum intensivsten und lautesten Lärm, den Menschen erzeugen, und können für die Meerestiere tödlich sein.

OceanCare
OceanCare setzt sich seit 1989 weltweit für die Meeressäuger und Ozeane ein. Mit Forschungs- und Schutzprojekten, Umweltbildungskampagnen sowie intensivem Einsatz in internationalen Gremien unternimmt die Organisation konkrete Schritte zur Verbesserung der Lebensbedingungen in den Weltmeeren. Seit Juli 2011 ist OceanCare von den Vereinten Nationen als Sonderberaterin für den Meeresschutz anerkannt. http://www.oceancare.org

Silent Oceans
Unter dem Namen „Silent Oceans“ fordert ein von OceanCare initiierter Zusammenschluss 22 internationaler Organisationen eine weltweit verbindliche Obergrenze für Unterwasserlärm, eine global koordinierte Strategie zur Lärmreduktion, ein Verbot der Beschallung sensibler Meeresgebiete, lärmdämmende Verfahren an den Emissionsquellen, die Überwachung der Auswirkungen von Lärm in den Ozeanen und die Übernahme von Verantwortung von Lärmverursachern für die Auswirkungen ihres Handelns. http://www.silentoceans.org

Ozeanversauerung- Das andere Kohlendioxid-Problem

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Kalkbildenden Organismen wie den Kaltwasserkorallen fällt es im saureren Ozean schwerer, ihre Skelette und Schalen aufzubauen. Foto: JAGO-Team, GEOMAR

Neue Schwerpunkte für die Erforschung der Ozeanversauerung – Experten ziehen Bilanz und zeigen zukünftige Herausforderungen auf

Damit die Erforschung der Ozeanversauerung weiterhin große Fortschritte machen kann, müssen auseinanderstrebende Bereiche zu einer ganzheitlichen Betrachtung zusammenfinden, fordern Prof. Ulf Riebesell vom GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel und Dr. Jean-Pierre Gattuso vom französischen Centre National de la Recherche Scientifique (CNRS). Die beiden international anerkannten Experten ziehen im Fachmagazin „Nature Climate Change“ Bilanz und zeigen neue Herausforderungen auf.

Das Thema Ozeanversauerung hat in den vergangenen zehn Jahren einen eindrucksvollen Sprung auf die wissenschaftliche Agenda absolviert. Auch Entscheidungsträgern und der Öffentlichkeit wird „Das andere Kohlendioxid-Problem“ zunehmend bewusst. Zeit für den nächsten Schritt: In der Januar-Ausgabe des Fachmagazins „Nature Climate Change“ rufen Prof. Ulf Riebesell, Professor für Biologische Ozeanografie am GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel, und Dr. Jean-Pierre Gattuso vom französischen Centre National de la Recherche Scientifique (CNRS) die internationale Wissenschaftsgemeinde auf, ihre Kräfte zu bündeln. Nur so ließen sich zukünftige Herausforderungen meistern. Nach Einschätzung der beiden Experten müssen Reaktionen ganzer Lebensgemeinschaften, die Auswirkungen der Versauerung in Kombination mit anderen Stressfaktoren sowie die Chancen einer Anpassung durch Evolution jetzt verstärkt untersucht werden. „Die auseinanderstrebenden Bereiche der Versauerungs-Forschung müssen zu einer ganzheitlichen Betrachtung zusammenfinden“, unterstreicht Prof. Riebesell.

Für die Forscher liegt auf der Hand, dass Ozeanversauerung nicht als einziger Stressfaktor auftritt. Temperaturanstieg, Sauerstoff-Rückgang, Überdüngung, Verschmutzung und andere Faktoren beeinflussen die Entwicklung mariner Organismen und Lebensgemeinschaften zusätzlich. „Die Effekte können miteinander oder gegeneinander wirken – das müssen wir ausloten“, so Prof. Riebesell. „Aber je mehr Parameter ein Experiment abdecken soll, desto größer wird der Aufwand. Weil immer mehr Werte voneinander differieren können, sind Ergebnisse ähnlicher Studien außerdem schwerer als bisher zu vergleichen und zu verifizieren.“

Wie einzelne Arten auf Ozeanversauerung allein reagieren, ist mittlerweile recht gut erforscht: Kalkbildende Organismen wie Korallen, Muscheln oder Schnecken geraten unter Stress. Sie benötigen zusätzliche Energie, um der Belastung standzuhalten. Diese Energie fehlt dann für andere biologische Prozesse, etwa das Wachstum oder die Fortpflanzung. Eine wichtige Frage sei bisher jedoch so gut wie unbeantwortet, urteilt der Kieler Meeresbiologe. „Selbst wenn man die Reaktionen aller einzelnen Arten kennen würde, könnte man nicht absehen, wie sich diese im Gefüge einer Lebensgemeinschaft ausprägen. Dafür sind Informationen über Konkurrenz-Beziehungen und Wechselwirkungen zwischen den Nahrungsebenen unerlässlich.“

Laborexperimenten zufolge ist eine Anpassung durch Evolution möglich. Je schneller sich eine Art vermehrt und je größer ihre Population ist, desto besser stehen die Chancen, dass sie sich durch Selektion oder Mutation an neue Lebensbedingungen anpassen kann. „Die Frage ist jedoch: Läuft die Adaption schnell genug ab, damit ein Organismus seine Funktion innerhalb der sich wandelnden Lebensgemeinschaft aufrechterhalten kann? Außerdem ist ungeklärt, inwiefern sich Laborergebnisse auf die Natur übertragen lassen“, erklärt Prof. Riebesell.

Damit die Erforschung der Ozeanversauerung weiterhin große Fortschritte machen kann, sei es nötig, ihre drei auseinanderstrebenden Entwicklungszweige – die Kombination von Umweltfaktoren, Interaktionen zwischen den verschiedenen Ebenen des Nahrungsnetzes und die Anpassung durch Adaption – zusammenzuführen, urteilen die beiden Wissenschaftler. „Dies erfordert interdisziplinäre Anstrengungen, zum Beispiel im Rahmen von Langzeit-Experimenten, die die Auswirkungen mehrerer Stressfaktoren über viele Generationen hinweg auf der Ebene von Lebensgemeinschaften untersuchen. Laborexperimente müssen in enger Verzahnung mit Feldstudien und Modellrechnungen stattfinden“, rät Prof. Riebesell. „Hier sind auch die Wissenschaftsorganisationen gefordert, Forschungsmittel verstärkt für national und international vernetzte, disziplinübergreifende Projekte bereitzustellen.“ Da die Zeit drängt, sollte jetzt, da grundlegende Konzepte bekannt sind, ein besonderes Augenmerk auf gesellschaftlich relevante Aspekte gelegt werden. „Nur so wird es möglich sein, schließlich auch Handlungsoptionen für politische Entscheidungen und Management-Strategien zu geben.“

Originalpublikation:
Riebesell, U., Gattuso, J.-P. (2015), Lessons learned from ocean acidification research. Reflection on the rapidly growing field of ocean acidification research highlights priorities for future research on the changing ocean. Nature Climate Change 5, 12-14 (2015), doi: 10.1038/nclimate2456

Hintergrund: Ozeanversauerung und das Projekt BIOACID
Die Ozeane nehmen etwa ein Drittel des von Menschen produzierten Kohlendioxids (CO2) auf. So verbleibt eine geringere Menge dieses Klimagases in der Atmosphäre – die globale Erwärmung wird verlangsamt. Doch im Meer reagiert das Kohlendioxid zu Kohlensäure. Das Wasser wird saurer und damit zu einer Gefahr für große und kleine Lebewesen. Im Rahmen des am GEOMAR koordinierten Forschungsverbunds BIOACID (Biological Impacts of Ocean Acidification) untersuchen 14 Institutionen, wie marine Lebensgemeinschaften auf Ozeanversauerung reagieren und welche Konsequenzen dies für das Nahrungsnetz, die Stoff- und Energieumsätze im Meer sowie schließlich auch für Wirtschaft und Gesellschaft hat. Eine Liste der Mitglieds-Institutionen, Informationen zum wissenschaftlichen Programm und den BIOACID-Gremien sowie Fakten zur Ozeanversauerung sind auf der Website http://www.bioacid.de zu finden. Im September 2014 veröffentlichte BIOACID eine deutschsprachige Übersicht zum aktuellen Forschungsstand. „Ozeanversauerung: Zusammenfassung für Entscheidungsträger“ liegt hier zum Download bereit.

Links:
http://www.bioacid.de BIOACID (Biological Impacts of Ocean Acidification)
http://www.iaea.org/ocean-acidification Ocean Acidification International Coordination Centre (OA-ICC)
http://www.geomar.de GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel
http://www.cnrs.fr Centre National de la Recherche Scientifique (CNRS)

Lophelia-Korallen der Tiefsee bilden Geschwisterriffe

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Ein hellgelbes Gorgonenhaupt besucht das Riff aus Gorgonien und Steinkorallen. Foto: JAGO-Team, GEOMAR

Riff-Baumeister mit Sinn für Harmonie

Kaltwasserkorallen verbinden sich über Verwandtschaftsgrenzen hinweg

Kaltwasserkorallen der Spezies Lophelia pertusa sind in der Lage, Skelett-Verbindungen mit genetisch fremden Artgenossen einzugehen. Auf Fahrten mit dem am GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel stationierten Tauchboot JAGO entdeckten Wissenschaftler aus Schottland und Deutschland vor der Norwegischen Küste erstmals verschiedenfarbige Korallenzweige, die nahtlos zusammengewachsen waren. In ihrer Veröffentlichung in den „Scientific Reports“ erklären die Forscher, wie die Fähigkeit zur Verschmelzung die Stabilität der Korallenriffe unterstützt und somit zum Erfolg der Korallen als Riff-Baumeister der Tiefsee beiträgt.

Sie leben in den kalten, dunklen Tiefen der Meere, sind häufig starken Strömungen ausgesetzt und liefern eine stabile Basis für artenreiche und farbenfrohe Ökosysteme: Steinkorallen der Art Lophelia pertusa gelten als hervorragende Riff-Baumeister. Nach den neuesten Erkenntnissen von Forschern der Heriot-Watt Universität Edinburgh, des GEOMAR Helmholtz-Zentrums für Ozeanforschung Kiel, der Universität Glasgow und des United States Geological Survey verbinden sogar genetisch unterschiedliche Individuen ihre Skelette miteinander. Erste Beobachtungen hierzu machten die Wissenschaftler auf einer Expedition mit dem Tauchboot JAGO und dem Forschungsschiff POSEIDON vor der Küste Mittelnorwegens im September 2011. Ihre Ergebnisse veröffentlichten sie jetzt in den „Scientific Reports“.

„Auf unseren Tauchgängen mit JAGO fanden wir Riffe, in denen der orangefarbene und der weiße Typ der Koralle miteinander verschmolzen zu sein schienen“, berichtet Dr. Sebastian Hennige von der Heriot-Watt Universität Edinburgh. „Dieser Anblick fiel mir sofort auf, und wir haben direkt einige Proben für genetische Tests und Skelett-Analysen genommen. Damit konnten wir später beweisen, dass sich tatsächlich Individuen einer Art verbunden hatten, die keine Geschwister sind.“ Aufgrund seiner Erkenntnisse geht Hennige davon aus, dass Lophelia pertusa Vertreter ihrer Art über Verwandtschaftsgrenzen hinweg erkennt.

Bis jetzt wurde angenommen, dass die ausgedehnten Riffe von Geschwistern gebildet wurden. Sie sind jedoch ein Ergebnis der Fusion von genetisch unterschiedlichen Individuen – als ob zwei Menschen, die nah beieinander sitzen, ihre Skelette miteinander verbinden. Diese Fähigkeit unterscheidet Lophelia pertusa stark von tropischen Korallen. Tropische Riffe werden von Kalkalgen zusammengehalten, die die Kruste abgestorbener Zweige bevölkern. Diese Algen sind auf Tageslicht angewiesen. „Kaltwasserkorallen, die ihre Riffe ausschließlich im Dunkeln errichten, können nicht auf eine solche Unterstützung bauen. Sie scheinen aber einen anderen Weg gefunden zu haben, um Stabilität herzustellen,“ erläutert Dr. Armin Form, Meeresbiologe am GEOMAR und Co-Autor der Veröffentlichung. „Entweder die Korallen verschmelzen tatsächlich zu einem gemeinsamen Stock, oder ein Zweig überwächst den anderen, ohne dass der Partner dabei Schaden nimmt.“ Tropische Steinkorallen verhalten sich gegenüber ihren Nachbarn meistens deutlich aggressiver: Sie setzen chemische Stoffe frei, um Kontakt zu anderen Korallen zu verhindern. „Dieses Abwehrverhalten kostet allerdings viel Energie, die dann nicht mehr für andere Funktionen zur Verfügung steht“, so Dr. Form.

„Unsere Entdeckung zeigt nicht nur, wie viel wir noch über die Ökosysteme der Tiefsee zu lernen haben. Sie belegt auch, wie wichtig der technologische Fortschritt ist“, betont Murray Roberts, Professor an der Heriot-Watt Universität Edinburgh. „Die Chance, die Riffe selbst mit dem Tauchboot JAGO zu erkunden, hat uns ganz neue Einblicke beschert und geholfen, die kostbaren Proben direkt mit aufs Schiff und weiter in unsere Labore zu bringen.“

Lophelia pertusa hat im Laufe der Evolution Eigenschaften herausgebildet, mit deren Hilfe sich Energie sparen und die Stabilität im Riff stärken lässt. „Angesichts dieser Flexibilität hoffen wir, dass sie auch mit zukünftigen klimatischen Veränderungen zurechtkommt. Allerdings läuft der globale Wandel derartig schnell ab, dass es fraglich bleibt, ob die Korallen Schritt halten können“, sagt Dr. Armin Form.

Originalveröffentlichung:
Hennige, S.J., Morrison, C. L., Form, A. U., Büscher, J., Kamenos, N. A. and Roberts, J.M., 2014: Self-recognition in corals facilitates deep-sea habitat engineering. Sci. Rep. 4, 6782, doi:10.1038/srep06782.

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